Das Wichtigste in Kürze
- Spielsucht ist eine anerkannte Krankheit. Die WHO führt sie in der ICD-11 als „Glücksspielstörung“.
- Die Therapie ist für Betroffene kostenfrei. Je nach Situation zahlt die Deutsche Rentenversicherung oder die Krankenkasse.
- Rund 2 von 100 Erwachsenen in Deutschland sind betroffen – etwa 1,38 Millionen Menschen.
- Über die bundesweite OASIS-Sperre können sich Spieler selbst sperren – oder von Angehörigen sperren lassen.
- Kostenlose, anonyme Hilfe rund um die Uhr: Die Telefonberatung zur Glücksspielsucht erreichen Sie unter 0800 1 37 27 00.
Spielsucht ist eine Krankheit, kein Charakterfehler
Wer die Kontrolle über sein Spielverhalten verliert, ist nicht willensschwach. Seit dem 1. Januar 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation die Glücksspielsucht in ihrem Diagnosekatalog ICD-11 als eigenständige Erkrankung – die „Glücksspielstörung“ unter dem Code 6C50. Im internationalen Sprachgebrauch heißt sie „gambling disorder“. Sie zählt zu den Verhaltenssüchten, in einer Reihe mit der Abhängigkeit von Substanzen. Anders als früher: Das pathologische Spielen galt lange nur als Impulskontrollstörung.
Das ist mehr als eine Formalie. Weil die Störung offiziell als Krankheit anerkannt ist, haben Betroffene einen Anspruch auf Behandlung – und die Kosten dafür trägt nicht der Patient. Weil es sich um eine anerkannte psychische Erkrankung handelt, spielt sie später auch bei den Gesundheitsfragen einer Berufsunfähigkeitsversicherung eine Rolle.
Die Diagnose stützt sich auf ein klares Muster: eine erheblich beeinträchtigte Kontrolle über das Spielen, das Vorziehen des Spielens vor anderen Lebensbereichen und das Weitermachen trotz spürbar negativer Folgen. In der Regel muss dieses Verhalten über mindestens zwölf Monate bestehen.
Warum gerade Online-Angebote so riskant sind
Glücksspiel hat viele Formen: Spielautomaten in der Kneipe, Spielhallen, das Roulette in der Spielbank, Rubbellose. Der Bereich, der in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist, spielt sich jedoch auf dem Smartphone ab – bei Online-Casinos, Sportwetten und Online-Wetten.
Fachleute sehen darin die riskanteste Entwicklung. Anders als die Spielhalle um die Ecke sind digitale Angebote rund um die Uhr geöffnet, überall zugänglich und nie geschlossen. Die Spielabfolge ist schnell, und niemand im Umfeld bekommt mit, wie oft oder wie lange jemand spielt. Besonders Live-Wetten mit ihrer hohen Ereignisfrequenz gelten als ausgeprägter Treiber für problematisches Spielverhalten. Das Gefühl, jederzeit „nur noch eine Wette“ platzieren zu können, führt schnell in einen Kreislauf, aus dem Betroffene allein kaum herausfinden.
Der Markt spiegelt das wider: Allein der Bruttospielertrag der Sportwetten lag 2023 bei rund 1,8 Milliarden Euro – ein Plus von fast 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Jahrbuch Sucht 2025).
Wie viele Menschen betroffen sind
Glücksspielsucht ist kein Randphänomen. Die Studie Glücksspiel-Survey 2023 der Forschungsstelle in Hamburg kommt zu dem Ergebnis, dass 2,4 Prozent der 18- bis 70-Jährigen die Kriterien einer Glücksspielstörung erfüllen. Hochgerechnet sind das rund 1,38 Millionen Menschen in Deutschland. Männer sind mit 3,2 Prozent deutlich häufiger betroffen als Frauen mit 1,4 Prozent.
Hinzu kommt: Fast vier von zehn Erwachsenen haben im Lauf eines Jahres überhaupt an Glücksspiel teilgenommen. Nicht jeder davon wird abhängig – aber die Zahl zeigt, wie alltäglich der Kontakt mit dem Glücksspiel geworden ist.
Die Warnsignale erkennen
Der Übergang vom Freizeitvergnügen zur Sucht verläuft schleichend. Fachleute nutzen einen Katalog von neun Kriterien; treffen vier oder mehr davon innerhalb eines Jahres zu, gilt das als deutliches Warnzeichen.

- Toleranz: Es braucht immer höhere Einsätze für denselben Reiz.
- Entzug: Unruhe und Gereiztheit, sobald nicht gespielt wird.
- Chasing: dem verlorenen Geld hinterherjagen, um Verluste auszugleichen.
- Kontrollverlust: erfolglose Versuche, das Spielen einzuschränken oder aufzuhören.
- Heimlichkeit: Lügen gegenüber Familie und Freunden über das Ausmaß des Spielens.
- Folgen: Schulden, vernachlässigte Pflichten, gefährdete Beziehungen und der Job.
Wer mehrere dieser Punkte bei sich oder einem Angehörigen wiedererkennt, hat oft bereits erste Probleme im Alltag und sollte den nächsten Schritt nicht aufschieben. Ein anonymer Selbsttest gibt in wenigen Minuten eine erste Einschätzung.
Was die Krankenkasse und die Rentenversicherung zahlen
Die gute Nachricht zuerst: Die Behandlung einer Glücksspielsucht kostet Betroffene nichts. Sowohl die gesetzlichen Krankenkassen als auch die Deutsche Rentenversicherung erkennen die Erkrankung an und übernehmen die Kosten. Wer von beiden zuständig ist, hängt vor allem von der Erwerbssituation ab.
Zwei Dinge sind trotzdem gut zu wissen: Verweigert die Krankenkasse im Einzelfall eine beantragte Leistung, lohnt sich fast immer ein Widerspruch gegen die Ablehnung. Und wenn die Glücksspielsucht die Arbeitsfähigkeit über längere Zeit untergräbt, kann zusätzlich eine Erwerbsminderungsrente zum Thema werden.

| Kostenträger | Was übernommen wird | Wann zuständig |
|---|---|---|
| Deutsche Rentenversicherung | Entwöhnungsbehandlung, medizinische Reha (ambulant oder stationär) | wenn die Person erwerbstätig und rentenversichert ist – Ziel ist der Erhalt der Erwerbsfähigkeit |
| Gesetzliche Krankenkasse | ambulante Psychotherapie, Behandlung im Krankenhaus | für die ambulante Psychotherapie generell, und immer dann, wenn die Rentenversicherung nicht zuständig ist |
In der Praxis läuft der Weg fast immer über eine der vielen Suchtberatungsstellen. Diese Stellen klären gemeinsam mit Ihnen, welcher Kostenträger passt, und bereiten den Antrag vor, etwa auf eine Entwöhnungsbehandlung. Für Betroffene ist die Beratung selbst kostenlos.
Hinweis für privat Versicherte
In der privaten Krankenversicherung hängt die Erstattung einer Psychotherapie vom jeweiligen Tarif ab und ist nicht automatisch abgedeckt wie in der gesetzlichen Kasse. Ein Blick in die Bedingungen lohnt sich.
OASIS: die Sperre, die überall greift
Ein wirksames Werkzeug ist die bundesweite Spielersperre OASIS. Sie wurde mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 eingeführt und wird vom Regierungspräsidium Darmstadt geführt. Der entscheidende Vorteil: Die Sperre gilt anbieter- und spielformübergreifend. Alle legalen Anbieter – von der Spielhalle über die Spielbank bis zu Online-Casinos und Sportwetten – müssen angeschlossen sein und gesperrte Personen abweisen.
Es gibt zwei Wege:
- Selbstsperre. Jede Person kann sich selbst sperren lassen. Die Sperre gilt in der Regel mindestens ein Jahr und wird erst auf Antrag wieder aufgehoben.
- Fremdsperre. Auch Angehörige oder Anbieter können eine Sperre veranlassen, wenn eine Spielsuchtgefährdung oder eine Überschuldung erkennbar ist.
Gerade für Angehörige ist die Fremdsperre oft der erste konkrete Schritt, wenn Gespräche nicht mehr weiterhelfen.
Wo es sofort Hilfe gibt
Niemand muss den Weg allein gehen. Kostenlose und anonyme Unterstützung ist jederzeit erreichbar – für Betroffene wie für Angehörige.

Kostenlose Anlaufstellen
Telefonberatung zur Glücksspielsucht: 0800 1 37 27 00. Der Anruf ist kostenlos und anonym, erreichbar an fast allen Tagen im Jahr. Träger ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (heute Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit).
check-dein-spiel.de: anonymer Selbsttest in wenigen Minuten und ein kostenloses Online-Beratungsprogramm.
Suchtberatungsstellen vor Ort: begleiten von der ersten Einschätzung bis zum Antrag auf Therapie – mit eigenen Angeboten für Angehörige.
Auch Selbsthilfegruppen helfen vielen Betroffenen, langfristig spielfrei zu bleiben. Unbehandelt kann die Sucht zu massiven finanziellen und gesundheitlichen Problemen führen. Doch die wichtigste Botschaft lautet: Glücksspielsucht ist behandelbar. Wer sich Hilfe holt, hat gute Chancen, wieder die Kontrolle über sein Leben zu gewinnen.
Wenn Schulden dazukommen
Bei kaum einer anderen Sucht sind die finanziellen Folgen so unmittelbar. In den Suchtberatungsstellen ist unter den Menschen mit der Hauptdiagnose Glücksspielsucht nur gut ein Viertel schuldenfrei. Mehr als jeder Zehnte hat Schulden von über 50.000 Euro.
Deshalb gehört zu einer guten Behandlung fast immer auch eine Schuldnerberatung. Sie hilft, einen Überblick zu gewinnen, mit Gläubigern zu verhandeln und einen Weg aus der Verschuldung zu finden – parallel zur Therapie der Sucht selbst.

